Aktiv und Passiv im akademischen Schreiben
Den Unterschied zwischen Aktiv und Passiv zu verstehen – und zu wissen, wann Sie welche Form verwenden – ist für wirksames akademisches Schreiben unerlässlich. Dieser Ratgeber erklärt beide Formen, ihre passenden Einsatzgebiete und fachspezifische Konventionen, damit Sie klarer und professioneller schreiben.
Was sind Aktiv und Passiv?
Aktiv
Im Aktiv führt das Subjekt die Handlung aus. Die Struktur lautet: Subjekt + Verb + Objekt.
Beispiel für Aktiv:
„Die Forscher führten das Experiment durch.“
Subjekt (Forscher) + Verb (führten durch) + Objekt (Experiment)
Passiv
Im Passiv erhält das Subjekt die Handlung. Die Struktur lautet: Subjekt + Form von „werden“ + Partizip Perfekt (+ von + Handelnder).
Beispiel für Passiv:
„Das Experiment wurde von den Forschern durchgeführt.“
Subjekt (Experiment) + wurde durchgeführt (werden + Partizip Perfekt) + von den Forschern (optionales Agens)
So erkennen Sie die Verbform
Fragen Sie sich: Führt das Subjekt die Handlung aus oder erhält es sie?
Aktiv: Das Subjekt führt die Handlung aus
„Der Ausschuss genehmigte den Vorschlag.“
Ausschuss (Subjekt) führt die Handlung aus (genehmigte)
Passiv: Das Subjekt erhält die Handlung
„Der Vorschlag wurde vom Ausschuss genehmigt.“
Vorschlag (Subjekt) erhält die Handlung (wurde genehmigt)
Wann Sie das Aktiv verwenden sollten
Das Aktiv wird im akademischen Schreiben generell bevorzugt, da es direkter, prägnanter und lebendiger ist. Verwenden Sie das Aktiv, wenn:
- ✓ Sie betonen möchten, wer die Handlung ausgeführt hat
- ✓ Sie Klarheit und Direktheit benötigen
- ✓ Sie Ihre eigenen Forschungshandlungen beschreiben
- ✓ Sie den Text lebendiger gestalten möchten
- ✓ Sie Empfehlungen oder Implikationen diskutieren
- ✓ Der Handelnde für Ihre Argumentation wichtig ist
Beispiele für Aktiv im akademischen Schreiben
- „Wir analysierten die Daten mittels Regressionsanalyse.“ (Klar, wer die Analyse durchführte)
- „Smith (2024) argumentiert, dass Klimapolitik internationale Zusammenarbeit erfordert.“ (Betont den Beitrag der Forschenden)
- „Diese Studie untersucht den Zusammenhang zwischen Schlaf und akademischer Leistung.“ (Direkt und prägnant)
- „Politische Entscheidungsträger sollten diese Empfehlungen sofort umsetzen.“ (Starke, klare Handlung)
Wann Sie das Passiv verwenden sollten
Auch wenn das Aktiv oft bevorzugt wird, hat das Passiv im akademischen Schreiben seine berechtigten Einsatzgebiete. Verwenden Sie das Passiv, wenn:
- ✓ Die Handlung wichtiger ist als der Handelnde
- ✓ Der Handelnde unbekannt oder irrelevant ist
- ✓ Sie Objektivität wahren möchten
- ✓ Sie fachspezifischen Konventionen folgen (z. B. Laborberichte)
- ✓ Sie den Empfänger der Handlung betonen möchten
- ✓ Sie etablierte Verfahren oder Fakten beschreiben
Beispiele für Passiv im akademischen Schreiben
- „Die Proben wurden 30 Minuten lang auf 100 °C erhitzt.“ (Der Vorgang ist wichtiger als die ausführende Person)
- „Die Theorie wurde erstmals 1905 vorgeschlagen.“ (Der Urheber ist unbekannt oder im Kontext unwichtig)
- „Die Teilnehmenden wurden über Online-Anzeigen rekrutiert.“ (Standardbeschreibung der Methodik)
- „Die Ergebnisse wurden mit der Software SPSS analysiert.“ (Fokus auf das, was getan wurde, nicht darauf, wer es tat)
Aktiv und Passiv im Vergleich
| Aspekt | Aktiv | Passiv |
|---|---|---|
| Klarheit | Direkter und klarer | Kann weniger klar sein |
| Prägnanz | Meist prägnanter | Erfordert oft mehr Wörter |
| Betonung | Betont den Handelnden | Betont die Handlung/den Empfänger |
| Lebendigkeit | Lebendiger und dynamischer | Formeller und distanzierter |
| Objektivität | Weniger formell/objektiv | Wirkt objektiver |
| Wortzahl | In der Regel weniger Wörter | In der Regel mehr Wörter |
Zwischen den Formen umwandeln
Von Passiv zu Aktiv
Bestimmen Sie, wer die Handlung ausführt, und machen Sie diese Person zum Subjekt. Entfernen Sie die Formen von „werden“.
Passiv:
„Das Experiment wurde von Dr. Chen entworfen, um die Hypothese zu testen.“
Aktiv:
„Dr. Chen entwarf das Experiment, um die Hypothese zu testen.“
Ergebnis: Klarer und 2 Wörter kürzer
Passiv:
„In den Interviews wurden drei Hauptthemen identifiziert.“
Aktiv:
„Die Forscher identifizierten drei Hauptthemen in den Interviews.“
Ergebnis: Direktere Zuordnung
Von Aktiv zu Passiv (wenn angemessen)
Aktiv:
„Jemand führte die Umfrage im März 2025 durch.“
Passiv (besser):
„Die Umfrage wurde im März 2025 durchgeführt.“
Ergebnis: Besser, weil der Handelnde unbekannt/irrelevant ist
Fachspezifische Richtlinien
Naturwissenschaften (Biologie, Chemie, Physik)
Traditioneller Ansatz: Methodenabschnitte verwendeten früher oft ausschließlich das Passiv.
Moderner Trend: Das Aktiv wird zunehmend akzeptiert und gefördert, besonders in führenden Zeitschriften.
- Alter Stil (Passiv): „Die Lösung wurde auf 100 °C erhitzt.“
- Neuer Stil (Aktiv): „Wir erhitzten die Lösung auf 100 °C.“
- Viele führende Zeitschriften empfehlen das Aktiv mittlerweile ausdrücklich in ihren Autorenrichtlinien
Sozialwissenschaften (Psychologie, Soziologie, Wirtschaftswissenschaften)
Ausgewogener Ansatz: Mischung beider Formen je nach Kontext.
- Verwenden Sie das Aktiv, um Ihre Handlungen und Analysen zu beschreiben
- Verwenden Sie das Passiv für etablierte Verfahren oder wenn der Fokus auf den Teilnehmenden liegt
- Aktiv: „Wir befragten 50 Teilnehmende.“
- Passiv: „Die Teilnehmenden wurden zufällig den Bedingungen zugeteilt.“
Geisteswissenschaften (Literatur, Geschichte, Philosophie)
Überwiegend Aktiv: Das Aktiv wird für Klarheit und Lebendigkeit stark bevorzugt.
- Verwenden Sie das Aktiv für Argumentation und Analyse
- Das Passiv ist außer bei allgemeinen Aussagen selten angemessen
- Bevorzugt: „Morrison stellt traditionelle Erzählstrukturen infrage.“
- Vermeiden: „Traditionelle Erzählstrukturen werden von Morrison infrage gestellt.“
Ingenieurwesen und angewandte Wissenschaften
Kontextabhängig: Beide Formen haben klar definierte Einsatzgebiete.
- Aktiv für die Diskussion von Design-Entscheidungen und Innovationen: „Wir entwickelten einen neuartigen Algorithmus …“
- Passiv für technische Verfahren und Tests: „Das System wurde unter verschiedenen Belastungsbedingungen getestet …“
Do's and Don'ts
Do:
- ✓ Bevorzugen Sie wenn möglich das Aktiv
- ✓ Verwenden Sie „wir“ bei gemeinschaftlicher Forschung
- ✓ Prüfen Sie die Konventionen Ihres Fachgebiets
- ✓ Verwenden Sie das Passiv, wenn der Handelnde irrelevant ist
- ✓ Mischen Sie die Formen angemessen
- ✓ Setzen Sie Klarheit über starre Regeln
- ✓ Bleiben Sie innerhalb von Abschnitten konsistent
Don't:
- ✗ Verwenden Sie das Passiv nicht, um Verantwortung zu verschleiern
- ✗ Greifen Sie nicht unnötig standardmäßig zum Passiv
- ✗ Erzeugen Sie keine unbeholfenen Aktivkonstruktionen
- ✗ Verwenden Sie das Passiv nicht übermäßig
- ✗ Ignorieren Sie nicht die Richtlinien der Zeitschrift
- ✗ Opfern Sie Klarheit nicht der Formalität
- ✗ Mischen Sie die Formen nicht willkürlich innerhalb von Absätzen
Häufige Fehler und wie Sie sie beheben
Fehler 1: Übermäßiger Gebrauch des Passivs
Schwach (durchgehend Passiv): „Die Daten wurden von Forschern gesammelt. Die Ergebnisse wurden vom Team analysiert. Signifikante Befunde wurden entdeckt.“
Besser (gemischt): „Forscher sammelten die Daten. Wir analysierten die Ergebnisse und entdeckten signifikante Befunde.“
Fehler 2: Passiv zur Vermeidung von Verantwortung
Schwach: „Bei der Analyse wurden Fehler gemacht.“
Besser: „Wir machten Fehler bei der Analyse“ oder „Die erste Analyse enthielt Fehler.“
Fehler 3: Bezugsfehler durch das Passiv
Falsch: „Unter Verwendung qualitativer Methoden wurde die Studie durchgeführt.“
Richtig: „Unter Verwendung qualitativer Methoden führten wir die Studie durch.“
Fehler 4: Passiv mit unklarem Handelndem
Unklar: „Es wurde entschieden, dass mehr Forschung nötig ist.“
Klar: „Wir kamen zu dem Schluss, dass mehr Forschung nötig ist“ oder „Die Belege deuten darauf hin, dass mehr Forschung nötig ist.“
Die „Wir“-Debatte im akademischen Schreiben
Sollten Sie in Ihrer Forschungsarbeit „wir“ oder das Passiv verwenden? Die Antwort hat sich gewandelt:
Traditionelle Sichtweise (veraltet)
- Erste Person vermeiden; ausschließlich Passiv verwenden
- „Die Hypothese wurde getestet“ statt „Wir testeten die Hypothese“
- Begründung: Wahrt Objektivität und Formalität
Moderner Konsens (heute)
- Die erste Person („wir“) ist akzeptabel und wird oft bevorzugt
- Wichtige Stilhandbücher (APA 7, Chicago) befürworten ausdrücklich die erste Person
- Schafft Klarheit darüber, wer was getan hat
- Lebendiger und leichter lesbar
- Vermeiden Sie „ich“ bei gemeinschaftlicher Arbeit weiterhin; verwenden Sie „wir“
Entscheidungsbaum für die Wahl der Verbform
Stellen Sie sich diese Fragen:
- 1. Ist der Handelnde für das Verständnis wichtig? Ja → Aktiv verwenden Nein → Weiter zu Frage 2
- 2. Wissen Sie, wer die Handlung ausgeführt hat? Ja → Aktiv verwenden Nein/irrelevant → Weiter zu Frage 3
- 3. Verlangt Ihr Fachgebiet das Passiv? Ja → Passiv verwenden (aber prüfen Sie das – viele Konventionen haben sich geändert) Nein → Aktiv für mehr Klarheit verwenden
- 4. Ist der Empfänger der Handlung am wichtigsten? Ja → Passiv kann angemessen sein Nein → Aktiv verwenden
Übungsbeispiele
Verbessern Sie diese Sätze, indem Sie die passende Verbform wählen und sie überarbeiten:
Beispiel 1:
„Der Fragebogen wurde den Teilnehmenden von den Forschern vorgelegt.“
Verbessert:
„Die Forscher legten den Teilnehmenden den Fragebogen vor.“ oder „Wir legten den Teilnehmenden den Fragebogen vor.“
Beispiel 2:
„Die Forscher untersuchten die Artefakte sorgfältig, und es wurden ausführliche Notizen gemacht.“
Verbessert:
„Die Forscher untersuchten die Artefakte sorgfältig und machten ausführliche Notizen.“ (Konsistente Form)
Beispiel 3:
„Es wurde festgestellt, dass die Temperatur die Reaktionsgeschwindigkeit signifikant beeinflusste.“
Verbessert:
„Wir stellten fest, dass die Temperatur die Reaktionsgeschwindigkeit signifikant beeinflusste.“ oder „Die Temperatur beeinflusste die Reaktionsgeschwindigkeit signifikant.“ (Direkte Aussage)
Kurzübersicht
| Kontext | Empfohlene Form | Beispiel |
|---|---|---|
| Ihre Forschungshandlungen | Aktiv | „Wir führten Interviews durch …“ |
| Standardverfahren | Passiv akzeptabel | „Die Proben wurden gemäß … vorbereitet“ |
| Analyse und Interpretation | Aktiv | „Diese Ergebnisse deuten darauf hin …“ |
| Arbeiten anderer | Aktiv | „Smith (2024) argumentiert …“ |
| Unbekannter Handelnder | Passiv | „Die Theorie wurde entwickelt in …“ |
| Empfehlungen | Aktiv | „Politische Entscheidungsträger sollten umsetzen …“ |
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